Engel mit schmutzigen Flügeln

Kategorie: Rezension Erstellt: Sonntag, 23. Februar 2020 Drucken

(von Olaf Francke)

Ein Bikerfilm für Frauen, die sich etwas trauen. Ganz so, wie das Team um Regisseur Roland Reber.

Engel mit schmutzigen Flügeln

Als vor einiger Zeit die Hofer Filmtage vorüber waren, schlug ich des Morgens den digitalen „SPIEGEL“ auf, um mir die „Hofberichterstattung“ zu Gemüte zu führen. Wusste ich doch, dass Roland Rebers neuer Film „Engel mit schmutzigen Flügeln“ dort gezeigt worden war. Ich war gespannt, wie das Werk des unmoralischen Filmschaffenden in der Presse aufgenommen werden würde. Erstaunlicherweise wurde Reber jedoch nicht erwähnt. Auch nicht in anderen Massenmedien. Woran mochte das nur liegen? War der Film so schlecht? Der Regisseur so unbedeutend? Einzige Chance, etwas über den Film herauszufinden, war, ihn selber zu sehen.

Der Film:

Engel mit schmutzigen Flügeln“ handelt von drei Frauen, die ihre Liebe zum Kraftrad zusammengeführt hat. Warum und wieso kriegt der Zuschauer nicht zu wissen, ist auch egal. Der Film geht stante pede in medias res. Michaela (Mira Gittner) und Gabriela (Marina Anna Eich) sind „letzte Überlebende“ des himmlischen Massakers und leben nun unter den Menschen auf der Erde. Sie sind Engel. Lucy (Antje Nikola Mönning) wird von den beiden auf dem Weg zu sich selbst geführt, und das geht -natürlich- nur mit drastischen Mitteln. Die drei haben ihr Hauptquartier in einer verlassenen Kaserne aufgeschlagen, und von dort aus geht Lucy auf den Trip zu sich selbst. In schonungsloser Offenheit entblößen die Engel die netten Lügen und Selbst-Betrügereien des gewöhnlichen Lebens und treiben Lucy dazu, sich selbst schonungslos offen gegenüberzutreten. Lucy entdeckt die brachiale Gewalt weiblicher Lust, tritt Moral und sogenannten Anstand bewusst mit Füßen, tanzt nackt und frivol auf den Gräbern ihrer Selbstlügen. Sie entfesselt ihre innere Bestie, und die beiden Engel applaudieren müde, wissend, dass dies nicht das Ende eines Weges ist, sondern lediglich der Anfang. Im Verlaufe des Films wird Lucy mehr und mehr ihrer selbst gewahr, letztlich geht der Plan der Engel auf.

Biker Girls

Im Großen und Ganzen erzählt „Engel mit schmutzigen Flügeln“ die Geschichte einer Initiation, wie sie in verschiedenen sozialen Gruppen üblich ist. Der thematische Verweis auf die Engel mag hier als Hinweis auf eine gewisse spirituelle Bewegtheit zu verstehen sein, denn in den Kreis dieser Engel aufzusteigen bedeutet, weltliche Dinge hinter sich zu lassen und sich selbst einer höheren Bedeutung zu weihen. Besonders positiv sticht heraus, dass Reber das Konzept des Freien Willens nicht -wie einige Wissenschaftler- verleugnet, sondern er unterstützt durch seine künstlerische Arbeit die Verwandlung von Moral in echte Ethik.

Auffällig ist, dass Reber die im Film 24/7 angelegte Figur der Hure (damals dargestellt von Mira Gittner) in diesem Film gewagter angeht. Er lässt sie im neuen Film mehr heraus, lässt sie brünstig und wollüstig die gesellschaftlichen Moralpostulate attackieren, ohne jedoch dabei ins Banal-Pornographische abzugleiten (was einige Kritiker dieses Films sicherlich anders sehen werden).

Ein besonderes Bonbon sind die Szenen, die das Team mit einer regionalen Bikertruppe zusammengeschraubt hat. Reber selbst gibt auf seiner website an, diese Szenen seien mehr oder weniger zufällig und spontan entstanden, und möglicherweise liegt genau darin die absolute Stärke dieses Filmteams. Mira Gittners Schnitt macht daraus eine herrliche Posse. Michaela fachsimpelt mit einem Rocker über Motorräder, während nebenan Gabriela mit 2 Bikern über die mangelnde Sozialkompetenz der Mediengesellschaft diskutiert und einen Raum weiter Lucy von einem der Bikerbrüder gevögelt wird. Diese Sequenz war ein absoluter Brüller und wird sicherlich auch in den Kinos für Erheiterung sorgen.

Ansonsten werden die Meinungen in den Kinos sicherlich geteilt sein. Dieser Film wird polarisieren. Hoffentlich.

Kritik:

Ein paar Kritikpunkte bleiben jedoch aus der laienhaften Sicht des Zuschauers meiner Ansicht nach offen. An einigen Stellen hätte ich mir die Dialoge etwas leidenschaftlicher gewünscht. Das gilt für die initiatorischen Dreiergespräche, aber auch z.B. in den Szenen im „Crazy Horse“ zwischen Lucy und der professionellen Amüsierdame kommt das Emotionale etwas zu kurz. Einige der Dialoge wirken für mich als Zuschauer „gestelzt“, irgendwie vom Blatt gelesen. dass Michaela und Gabriela natürlich ob ihrer Vergangenheit nicht freudestrahlend durch die Welt gehen, gut, das ist klar. Auch ihre gewisse „Routine“ im Umgang mit potentiellen Selbsterschaffern ist nachvollziehbar. dass in einigen Situationen eine bestimmte Form humoristischen Spottes durch die Texte träufelt trägt zur Authenzität der Geschichte unbedingt bei.

Die Einblendung der textentfremdeten Liedchen und deren permanente Wiederholung erinnert nach meinem Geschmack zu sehr an „Mein Traum...“, und auch der Umstand, dass Rebers Figuren oft „ins Leere“ starren, sich im Dialog oft nicht ansehen, wirkt etwas befremdlich.

Antje Nikola Mönning

Das Team:

Zunächst mal: Reber ist ein Krümelmonster. Er agiert ein wenig wie der Hänsel im Märchen, wenn er durch jeden seiner Filme Krümel streut, die auf die evolutionäre Herkunft des aktuellen Werkes hinweisen. Im Web nennen wir das „breadcrumps“, die Möglichkeit, den Weg zurück zu verfolgen. So auch in diesem Film, ein wenig Schatten aus „24/7 ...“, ein bißchen Ethik-Nebel aus „Mein Traum...“, aber das tut der Sache keinen Abbruch, im Gegenteil, es zeigt, dass Reber seinem Publikum mit einer konsistenten Botschaft gegenübertritt: „Mensch! Erschaffe Dich selbst!“ Insofern ist sich Roland Reber treu geblieben. Zum Glück.

Im Film kokettiert Reber mit dem spirituellen Babalon-Prinzip, dem mystischen Avatar ungezügelter, weiblicher Wildheit, vergleichbar mit der Göttin Kali oder der Eva-Vorgängerin Lilith. Allerdings dringt die Handlung nicht allzu tief in diesen Komplex ein, das Spiel der rothaarigen Antje Nikola Mönning lässt noch reichlich Interpretationsspielraum offen. Glücklicherweise, denn eine allzu detaillierte Darbietung dieser weiblich-archaischen Energie wäre für viele Zuschauer, die vielleicht eher weniger spirituell interessiert sind, schlichtweg nicht zumutbar. Der Regisseur spielt in vielen seiner Filme mit esoterischen Motiven, und er verbindet sie mit psychologischen Elementen, was durchaus (wenn, wie im vorliegenden Fall, gut gemacht) didaktische Wirkung beim Publikum erzeugen kann und sicherlich auch soll. Diese Art, filmisch zu unterweisen, ist mutig, mancher würde vielleicht sagen: leichtsinnig. Leichtsinnig in Bezug auf Mainstream-Kompatibilität und Massenkonsum, aber genau darum geht es Reber sicherlich nicht. Die wtp Filmschmiede will nicht everybodies Darling sein, die Produkte des Reber-Teams sollen durchaus nicht Unterhaltungsstandards erfüllen.

Roland Reber versteht es, die Lager zu spalten. Seine Filme hasst man, oder man liebt sie. Gehasst wird Rebers Werk vornehmlich von Leuten, die in engen moralischen Corsagen ihr Dasein fristen, zur Veränderung unfähig, zur Toleranz des Anderen unwillig. Wer jedoch nicht neophob veranlagt ist, wer den Mut zur Erforschung und Veränderung des Bestehenden hat, der wird in Rebers Filmmaterial reiche Anregungen finden, die zum gründlichen Überdenken der etablierten Moralstrukturen verführen. Überhaupt sind Rebers Filme Verführung. Mit einer gewissen luziferischen Durchtriebenheit (im durchaus positiven Sinne) bringt uns der Regisseur dazu, unsere eigenen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen, es seinen Figuren ein wenig gleich zu tun.

Mit einem ambitionierten und gebildeten Regisseur allein macht man jedoch keinen guten Film. Roland Reber hat das Glück, ein Team um sich zu haben, das mit großer Freude und unglaublichem Engagement an den Projekten arbeitet, und dazu noch durch fachliches Können brilliert. Ob Mira Gittner (Schauspiel, Kamera, Schnitt u.v.m.), Marina Anna Eich (Schauspiel, PR u.v.m.) oder die jeweiligen Besetzungen der Filme, alle Beteiligten gehen an ihre Grenzen, und man gewinnt den Eindruck, teilweise auch darüber hinaus. Mit großem persönlichen Einsatz wird gespielt, Die Schauspieler benutzen ihren gesamten Körper als Werkzeug zur Darstellung, und sprechen nicht bloß Textrollen. Die Art der Darstellung erinnert oft an Theaterdarbietung, was sicher auch der künstlerischen Herkunft Rebers geschuldet ist. Alles in allem liefert wtpfilm ein ums andere Mal großes Kino jenseits des Mainstream, authentisch und finanziell autark produziert. Während ein anderer Regie-Roland aus Deutschland sich willfährig den Dollarmillionären Hollywoods hingibt und dabei nur Unterhaltung der unteren Mittelklasse produziert, hat Reber genug „Arsch in der Hose“, sich seine Projekte nicht diktieren zu lassen. Dafür trägt er mit seinem Team bei jedem seiner Filme das volle finanzielle Risiko, was ihm gut zu Gesicht steht. Dafür sollte man diesen Leuten den nötigen Respekt zollen.

Viking

Fazit:

Engel mit schmutzigen Flügeln“ ist ein unverkennbar typischer wtp-Film, der seinen Platz im Gesamtwerk passgenau einnimmt. Der Film ist inhaltsreich, tiefsinnig und trotzdem noch unterhaltsam und witzig. Man kann sich mit diesem Film unterhalten, aber auch tiefgreifende Denkansätze gewinnen, ohne dass das Werk überfrachtet erscheint. Der Streifen ist ein Stück solides Handwerk, angefertigt von Leuten, die ihr Fach verstehen. Der aufgeschlossene und interessierte Zuschauer wird den Kinobesuch nicht bereuen.

Infos zum Film:  http://www.wtpfilm.com

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