24/7 The Passion of Life

Kategorie: Rezension Erstellt: Sonntag, 23. Februar 2020 Drucken

(von Olaf Francke)

Freundlicherweise wurde mir von Roland Reber und wtp international productions eine Kopie des Films 24/7-The Passion of Life zur Ansicht und Rezension zur Verfügung gestellt, sodass eine eingehende Bearbeitung des Werkes aus meinem persönlichen Erleben heraus möglich ist.

24/7 Kinoplakat

Der Kultfilm, der eher zu kurz als zu lang wirkt, weckt durch den Titel zunächst Erwartungen, die möglicherweise nicht erfüllt werden. Soviel sei klar: 24/7 ist zwar ein sehr erotischer Film, jedoch ist er meilenweit von einem Pornostreifen entfernt. Dieser Film setzt in Bezug auf die Kombination von Bildfolge und subtiler Botschaftsübermittlung durchaus neue Maßstäbe. Hier werden Inhalte miteinander kombiniert, die geeignet sind, im menschlichen Bewusstsein erhebliche Veränderungen hervorzurufen. 24/7-The Passion of Life ist ein Film, der mehr zu sagen hat, als seine Bilder zeigen. Die Kunst ist es hier, der Versuchung des Bildes nicht vollends zu erliegen, sondern hinter die Kulisse zu schauen respektive zu hören, um zur wahren Botschaft des Films vorzudringen: "Mensch, befreie Dich selbst!"

Die Freiheit des Inneren

Vordergründiges Thema des Films ist das Leben zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, die wie Eva und Lilith sind: auf der einen Seite die etwas naiv-trotzige Hotelierstochter (Eva, sehr intensiv gespielt von Marina Anna Eich), die in der Tristesse ihrer Konditionierungen zu versinken droht; auf der anderen Seite die hochintelligente, aber innerlich leere Domina (Magdalena alias Lady Maria, souverän gespielt von Mira Gittner), die in ihrer Freiheit den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Das Schicksal führt diese beiden konträren Frauenbilder zusammen, und erwartungsgemäß kommt es zu einer heftigen Reaktion. Die Domina Lady Maria gewährt der schüchternen Eva einen Blick in die Welt des Sadomasochismus und schickt sie damit auf eine abenteuerliche Reise in das unentdeckte Land sinnlicher Erotik. Doch nicht alles verläuft so, wie Eva es sich vorgestellt hat, und auch die Domina mit den zwei Gesichtern wird letztlich vor harte Prüfungen und unveränderliche Wahrheiten gestellt, die ihr eine Selbstreflektion ermöglichen bzw. diese unweigerlich einleiten. In diesem Film haben alle etwas zu lernen, ohne dass man einen Lehrer ausmachen könnte.

BDSM Lady Maria

Wirkt die in den Vorspann eingebettete Zusammenführung der Figuren anfänglich noch etwas staksig und holprig, so läuft das Werk mit Einsetzen der Handlung schnell zu voller Professionalität auf. In für den der SM Szene fremden Zuschauer ungewöhnlich bedrohlichen Bildern kommt Regisseur Reber ohne Umschweife zur Sache und konfrontiert uns mit der dunkeln Seite der menschlichen Seele: Wir sehen den Geschäftsmann, der beim meeting den Sitz seiner Windel dezent prüft, den theophoben Autostigmatiker, der im Weg der Sünde Erleuchtung sucht, da ist der freundliche ältere Herr, der in Dienstmagdkleidung stets zur Stelle ist... in einem Feuerwerk ungewöhnlicher Phantasien hämmert Reber dem Zuschauer ein, daß es hier ums Eingemachte geht, nicht um das lose Vergnügen, das uns in Vanilla-Clubs und Blümchencommunities gelegentlich amüsiert.

Interessant an der Ausgestaltung des Films sind die Locations und Drehorte. Zum Einen gibt es Szenen aus dem etwas abgeranzten Swingerclub "La Boum", hier wurden an einem authentischen Drehort die "Vibes" eines solchen Clubs recht gut inszeniert. Kuschlig, gesellig, ein ganz klein wenig spießig im Interieur, ist der Club als Sinnbild "bürgerlich akzeptierter Un-Moral" zu verstehen, während die SM-Szenen, gedreht in einem hervorragenden Studio, die Kompromisslosigkeit des SM-Suchenden konträr dazu kommunizieren. Erst die Extreme des SM schaffen nach allen Seiten einen Rahmen, in dem genug Platz für kreative Selbst-Erschaffung ist, jenseits einer aus Fremdkonditionierungen bestehenden Korsage. So lernen wir im Verlaufe der Geschichte, die uns der Film erzählt, dass es nicht Dominik, Elfriede oder Gummisau sind, die in Fesseln liegen, sondern Menschen wie Evas scheinbar lockerer Reiseleiter der Lust -Mike- (gespielt vom naiven Clubbesitzer Michael), die gefangen sind in unsichtbaren Ketten, die man ihnen in ihrer Kindheit unbemerkt angelegt hat. Diesen Unterschied zwischen "geduldeter" Freiheit (die keine wahre Freiheit ist) und totaler Ich-Konfrontation durch das ungehemmte Ausleben selbst tiefster, verborgenster Triebe zeigt Roland Reber hier durch den direkten Vergleich auf. Während die Swingergemeinde eher den Eindruck macht, etwas rastlos umherzusuchen, im Nebel der Pheromone und Testosterone herumzustochern, zeigen sich die SMler als straighte und zielorientiert an sich selbst arbeitende Menschen, die durch die Rituale, welche sie vollziehen, ihrer Suche einen Sinn geben. All die Dinge, von denen Mike Eva erzählt, hat er nicht wirklich, das merkt er erst, als er sich sie verliebt und in einem Strudel längst verdrängter Emotionen zu versinken droht.

24/7 offenbart schonungslos. So mag es nicht verwundern, dasss dieser Film nicht mit FSK 16 an den Start geht, obwohl er das durchaus verdient hätte. Es sind sicherlich nicht die Erotikszenen, die eine FSK18-Bwertung verursachen, sondern vielmehr die unverblümten Wahrheiten, die 24/7 uns schonungslos auf den Tisch knallt. Roland Reber spielt in seinen Bildern virtuos mit der komplexen Beziehung von Dom und Sub, er lässt uns als Zuschauer eng teilhaben an dem inneren Zerwürfnis, aus dem heraus der Mensch sich selbst als freies Wesen erschafft. Doch der Weg in den Himmel führt oft genug durch die Feuer der Hölle, und dass dieser Weg steinig und voller Dornen ist, merken Lady Marias Zöglinge sehr schnell. Letztlich ist es nicht der Sklave Gummisau, der seiner Herrin dient, sondern umgekehrt; die Grenzen verschwimmen mit fortlaufender Spieldauer des Filmes mehr und mehr. Im Grunde sind es am Ende die scheinbar "niederen" Charaktere, die Duldenden, die aufnehmenden Subs und Sklaven, die sich durch ihre Unterwerfung selbst befreien. Deulich wird dies in einer Schlüsselszene, in der die männliche Zofe der Lady Maria ihr, als sie krank ist, Medizin bringt und sie bekocht und füttert, um dann aufzustehen und zu sagen: "Ich muss dann jetzt gehen". Lady Maria kann nicht gehen, sie muss bleiben.

„Bin Wanderer nur und müde, sehe der Menschen Pein,
weiß um ihre Leiden und bleib in mir – allein.“
Magdalena in: 24/7-The Passion of Life

Mira Gittner als Luzifer

Beachtung verdient m.E.n. Mira Gittners Darstellung des ShAITAN/Satan, ihr enthusiastisches Plädoyer für die immerwährende Menschen-Liebe des ewigen Widersachers Gottes ist ein Meisterstück schauspielerischer Darstellungskunst, gepaart mit tiefgreifenden emotionalen Dialogen, die sich über mehrere Szenen hinziehen. Beeindruckend, wie sich hier der luziferische Funke quasi subtil der Aufmerksamkeit des Betrachters bemächtigt, und die rebellischen Bereiche des Gehirns erreicht, um den Zuschauer auf seine Seite zu bringen. Mira Gittner invoziert hier die pure Versuchung in einer beeindruckenden Intensität. In mehreren Anläufen rennt Lady Maria in ihrer Performance Sturm gegen die christlich-bigotte Sexualmoral und offenbart gnadenlos die bittersüße Wahrheit menschlicher Obsession und Leidenschaft.

Lady Maria: „Was suchst du, einsamer Wanderer, in dieser Wüste, die wir Leben nennen?“
Dominik: „Ich bin auf der Suche nach der Liebe.“
Lady Maria: “Wenn sie nicht in dir ist, wirst du sie niemals finden.“
Dominik: “Und wie finde ich die Liebe in mir?“
Lady Maria: “Indem du dich ihr ganz hingibst, in all ihrer Lust und in all ihrem Schmerz.“
Dominik: “Die Liebe kennt keinen Schmerz.“
Lady Maria: „Die Liebe ist Schmerz. Sie ist Verzückung und Qual in einem. Und doch ist sie die Kraft, die uns am Leben hält.“

In diesen Dialogen geht Reber mit der christlichen Religion hart ins Gericht. Schonungslos lässt er seinen Advocatus Diaboli in messerscharfem, zynischen Tonfall die dogmatischen Moralpaläste der Kurie attackieren, und da ist kein Gott, der ihn Einhalt geböte. Der Rebell im Frauenleib schert sich nicht um die Ansprüche der Stellvertreter Gottes in seinem leeren Haus. Mira Gittner verbildlicht hier exzellent die Emanzipation vom Rockzipfel des großen spirituellen Überwesens und zeigt auf, dass es die Aufgabe des Menschen ist, sein eigener Gott zu sein. Hierin sehe ich als spirituell aktiver Zuschauer auch eine Saite in mir zum Klingen gebracht, von der ich anfangs nicht erwartet hätte, daß 24/7 das wirklich schafft. Die eigentliche Botschaft des Films: HOMO EST DEUS schreit den Kinobesucher förmlich in seinem Sitz an:

"Mensch, erhebe Dich aus der Trägheit der Moralsklaverei. Komm hervor, tritt unter die Sterne und erkenne: Du selbst bist Dein Gott. Und es gibt viele Götter neben Dir. Fürchte nicht, dass irgendein Gott Dich darum verleugnet und sei stolz, kühn erhaben und königlich in dem, was Du nach Deinem Willen tust." 

Somit komme ich nicht umhin, 24/7-The Passion of Life als einen enthusiastischen Aufruf zur frei-willigen Realisierung der vier höchsten humanitären Prinzipien anzusehen:

LICHT - LIEBE - LEBEN - LIBERALITÄT

Oder, wie der alte Fritz es formulierte: "Jedem Tierchen sein Plaisierchen". Fakt ist, dass Roland Rebers Film einige Facetten der unglaublichen Bandbreite menschlicher Phantasie beleuchtet, welche die momentanen Inhaber der Moralgewalt nur zu gern unter dem Deckmäntelchen der Verschwiegenheit verborgen wüssten. Doch dafür ist es nun zu spät, denn die Wahrheit bahnt sich unaufhaltsam den Weg, wie ein unterirdischer Fluss, der letztlich auch ins Meer mündet. In diesem Zusammenhang mag jeder Zuschauer angesichts der Bilder des Autostigmatikers Dominik, der in der Sünde die zweifelhafte Vergebung sucht, für sich in Bezug auf das Verhältnis der katholischen Gläubigen untereinander und zu ihrem Gott interpretieren. Der Film bietet dazu treffende gedankliche Motiv-Vorlagen.

Besondere Erwähnung verdient m.A.n. der inzwischen verstorbene Reinhard Wendt als "Elfriede". Mit unglaublich empathischer Kunstfertigkeit geht der Darsteller in seiner Rolle als dienstbarer Geist auf, letztlich spielt er sich tatsächlich selbst (was angesichts der Kriegserlebnisse, die in einer Szene erschreckend authentisch erzählt sind, einen erstaunlichen Mut erfordert). Das Verhältnis, in dem Lady Maria und Elfriede wirklich zueinander stehen, wird erst im Verlauf des Films Stück für Stück völlig offenbart. Die Symbiose aus Hingabe und Herrschaft ist hier in vielen kleinen Episödchen - zum Teil in fast unmerklichen Momentaufnahmen - einfühlsam und authentisch dargestellt. Diese Darstellung ermöglicht es dem Zuschauer, tiefe Einblicke in die bisweilen äußerst komplexen Verhältnisse einer BDSM-Beziehung zu nehmen und sich von der Intensität der Wahrnehmung in diesem Erfahrungsbereich ein Bild zu machen. Elfriede ist keineswegs pervers, abartig oder krank, im Gegenteil, er entwickelt sich im Verlauf der Geschichte zu einem Sympathieträger. Er ist ein Mensch, der den Willen hat, sich in besonderer Form dem Objekt seiner Aufmerksamkeit hinzugeben. Letztlich ist und bleibt Elfriede Lady Marias einziger Freund... Herrn Wendt gilt hier für seine Leistung mein größter Respekt.

Abschließend komme ich zu der Ansicht, dass 24/7-The Passion of Life sich zwar eindringlich mit der Sexualität als Ausdruck individueller Kreativität befasst, jedoch in seiner subtilen Aussage wesentlich weiter geht. Roland Reber öffnet uns hier das Tor in ein unentdecktes Land, in die Welt der Obsession, der unbegrenzten Hingabe an das innerste Selbst, in die weiten Gefilde des Inbetween. Dieser Film ist, obschon die erotischen Szenen vergleichsweise kurz und stilvoll sehr diskret gehalten sind, sicherlich geeignet, eine breitenwirksame Diskussion über die tatsächlichen Verhältnisse unserer Sexualität als Ich-bezogenes Wesen zu initiieren und Eis zu brechen in Bereichen, die bislang aus völlig falschen Gründen als "unnormal" angesehen bzw. dazu deklariert werden. Die christliche Moralexekutive scheut sich seit Jahrhunderten nicht, wider der Natur des Menschen zu predigen, und der Film von Roland Reber fragt laut und deutlich: WOZU?

Die Antworten auf die Fragen, die dieses filmische Meisterwerk aufwirft, wird jeder nur in sich selbst finden. Dabei hilft kein religiöser oder moralinsaurer Codex, kein Papst, kein Prediger, kein Weiser. Wenn wir mutig und desillusioniert die brennende Frage, die uns alle quält, in den Äther schreien: "Gott, wo bist Du?" Dann wird es aus uns selbst antworten: "ICH BIN HIER"

Alles im allem war es für mich als Zuschauer ein wahrer Genuss, mir diesen Film angesehen zu haben. 24/7-The Passion of Life ist nicht nur praktizierenden SMlern ans Herz zu legen, er stellt für jeden soziologisch interessierten Menschen eine Bereicherung des Wahrnehmungsspektrums dar. 24/7 war -zurecht- schon vor der Premiere ein Kultfilm.

Informationen zum Film: http://www.wtpfilm.com

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